Die Tante aus der anderen Epoche…

Ja meine Tante Minna aus dem 18. Jahrhundert war mein Liebling und ich ihrer. Beschwerlich war der Weg in den 4. Stock des Hinterhauses. Oben angekommen schnaufte man erstmal nach Luft. Das Bild unten zeigt das Haus ohne Seitenflügel, es wurde in den 2000ern umgebaut um mehr Licht in den Hof zu bekommen.

Die Wohnung war damals mit Aussentoilette und hatte nur eine Küche und ein Zimmer. Flur, Badezimmer oder ähnliches, – Fehlanzeige. Was mich als Kind natürlich faszinierte war der Kachelofen. Gemütlich aber bescheiden, etwas was sich viele heute wieder wünschen. So auch ich 😎

Die Wohnung verfügte über eine Kochstelle die mit Holz befeuert wurde und die Küche im Winter zusätzlich aufheizte. Ich liebe sowas übrigens. Das kochen, backen ist ganz anders aber äußerst genial. Es macht einfach Spaß und geht leichter von der Hand.

Das Wohnzimmer war direkt daneben und es war natürlich auch das Schlafzimmer. Der Kachelofen im Eck war ein weiterer Hingucker, er hatte oben eine Luke zum Warmhalten von Speisen und man konnte da auch herrlich riechende Bratäpfel drin zubereiten.

Über dem Bett hing ein Foto von Arthur, ihrem Sohn. Der wurde ihr von wer weiß wem in den Wirren des ersten Weltkrieges geschenkt und in den Wirren des zweiten Weltkrieges skrupellos wieder genommen.

Im Winter waren die einfachen Fenster schnell vereist und morgens wuchsen die Eisblumen wunderbar im kühlen Raum. Erst das anheizen des Ofens setzte dem ein jähes Ende. Dann liefen die wunderschönen Kristalle davon und aus war der Traum.

Oben, also einen Stock über der Wohnung gab es nur noch den Dachboden. Dort roch es wundervoll nach Holz welches mein Vater ihr immer aus der Tischlerei mitbrachte. Aus den Dachfenstern konnte man herrlich über Berlin blicken. Ich habe dort stundenlang gestanden und über die Dächer von Kreuzberg meinen Blick schweifen lassen.

Im Ende des 70er Jahrzehnts ist sie dann leider gestorben. Sie hatte den Glauben ans Leben wohl verloren. Einmal bei ihr Daheim hatte ich gesehen und somit erfahren, dass der Kranz ihrer Haare der durch ein Haarnetz zusammengehalten wurde, die beachtliche Länge von fast zwei Metern hatte. In der letzten Phase ihres Lebens, im Krankenhaus, hatte man die Haarpracht einfach abgeschnitten. Ich denke das war der letzte Todesstoß wenn man jemandem aus rein arbeitstechnischen Gesichtspunkten heraus um die letzte Würde betrügt.


Manchmal wünsche ich mich dort hin, wobei die Wohnung jetzt wohl auf drei Etagen stattfindet und die Kochstelle der Luxussanierung weichen musste…


Foto/Text JK ©31/07/2021

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