Endstation Depression letzter Halt…

Ich erinnere mich an eine Situation in den Sechzigern, ich saß mit meinen Eltern in der S-Bahn und fuhr spät am Abend, es war denke ich schon nach 23 Uhr durch die Berliner Nacht Richtung Kreuzberg. Es war wahrscheinlich Spätherbst denn die Scheiben waren beschlagen und draußen flirte der Nebel um die Gaslaternen. Die S-Bahn fuhr auf sehr weiträumigen Gleisen meist an der Oberfläche durch das Berliner Geschehen.

Es war kalt und ich war dick angezogen und hatte den Ohrstöpsel meines kleinen roten Transistorradios im Ohr. Im Radio spielten sie When a Man Loves a Woman und mit dem Song ratterten wir durch die Nacht. Die Straßen waren leer und das Licht im Zug ging oft für kurze Zeit aus. Das war eine Eigenart der S-Bahn, denn Westberlin hatte kein Interesse etwas zu reparieren und der Osten unter deren Regie die Bahn auch im Westen betrieben wurde hatte keinerlei Ambitionen. Wozu auch!

Die Lichter der Großstadt flimmerten wie kleine Sterne durch die beschlagenen Scheiben und dies in Zusammenhang löste in mir erstmals eine Traurigkeit aus, welche ich als kleiner Junge natürlich nicht einordnen konnte. Es war eine Traurigkeit die ausgeprägt war und ich weiß es heute nicht mehr so genau, aber vielleicht war es die Trennung von meiner Oma im Osten Berlins die wir fast immer mit jener S-Bahn besuchten.

Erst später hatten wir ein eigenes Auto und selbst dort überkam mich dann am späten Abend und gleicher Situation selbiges. Heute, also etwa 50 Jahre später schaue ich zurück auf ein spannendes Leben. Ein Leben das nicht nur spannend sondern auch rasant wie ein ICE gewesen ist. Es gab Tage da stand ich auf irgendeinem Flughafen dieser Welt und musste mein Flugticket aus meinem Pilotenkoffer ziehen um nachzusehen welche Location ich eigentlich auf der Buchung hatte. Den Koffer habe ich heute noch, jedoch sind Akten und wichtige Unterlagen heute nicht mehr mein Metier.

In den 80ern und in den 90ern habe ich oft 24/7 gearbeitet. Ich brauchte wenig Schlaf und das ohne Hilfsmittel der Pharmaindustrie. Mir reichten tagsüber 2-3 Stunden Ruhe dann konnte ich sofort wieder loslegen. Meine Krankheiten fanden nicht statt und wenn einmal die Klappe schmerzte war ich nachts um 3 in der Zahnklinik Notfallstation und habe denen keine Chance gegeben mich stationär zu erfassen.

Aber dann änderten sich vor wenigen Jahren die Zeiten. Der Vater hatte schwere Demenz und ich sah mich in der Pflicht ihn aufzufangen. Nun ist er bereits ein paar Jahre unter der Erde und Ruhe ist eingekehrt. Ich denke immer öfter über das Leben und das Sterben nach und verzettele mich mal mehr mal weniger in mir selbst.

Antriebslos, kraftlos in der eigenen Hülle gefangen, oft nicht bereit dem neuen Tag ins Gesicht zu sehen und doch das Leben immer gelebt als gäbe es kein Morgen mehr…

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Wenn das Schiff von der Höhe einer Welle in die Tiefe gleitet und von dort auf die nächste Welle gehoben wird, geschieht es mit einem derartigen Schwung, daß man meint, es zerbräche sofort in tausend Stücke. Hat man sich jedoch überzeugt, das nichts derartiges geschieht, wird man gelangweilt und ärgerlich. Der Ärger wandelt sich in Wut, und danach gerät man in einen Zustand der Depression
Iwan Gontscharow

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Foto/Text JK ©08/02/2020

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