Letzte Lieder • oder, Zeit zum Abgesang…

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.
Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf´ um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen;
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.
Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegen senden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden,
Wohlan denn Herz, nimm Abschied und gesunde!

Stufen • von Hermann Hesse

Oh ja, letzte Lieder… und die Welt steht still. So heißt ein Projekt von dem ich grade im TV hörte. Stefan Weiller ist Autor und Initiator der überregional erfolgreichen Programme „Letzte Lieder“, „Deutsche Winterreise“ und vieler weiterer Projekte. Letzte Lieder  versammelt Musik und Lebensgeschichten, die Autor Stefan Weiller bei sterbenden Menschen im Hospiz für sein Buchprojekt und seine Konzertreihe „und die Welt steht still…“ Letzte Lieder und Geschichten“ sammelt.

Ich erinnere mich als vor 11 Jahren meine Mutter ging. Wir waren eine starke Gemeinschaft, in der Mutter immer den Mittelpunkt bildete. Nur sie konnte diese Rolle ausfüllen. Nur sie hatte die Gabe uns alle, ihre Familie, komplett zu umarmen. Niemand hätte ihr diesen Anspruch streitig gemacht, oder machen wollen.

Mutter hatte Lieder und anders als man denken könnte, sind es eben auch die ruhigen und leisen Lieder, von denen man vielleicht am Ende nicht behaupten würde, jene hätten ihr Leben bestimmt oder beeinflusst. Das was sie für viele war, was sie nach außen so scheinbar abbildete, das war in Wirklichkeit nicht ihr Abbild.

Nein da war viel mehr. All die Entbehrungen der Jugend, welche im Krieg nunmal keinen Weg finden konnten. Der Wiederaufbau und die Entbehrungen der 50er und auch noch während der 60er. All das hatte sie auf ihrem Weg, – und erst in den 70ern ging das Leben seinen beschaulichen und auch von Glücksmomenten gepflasterten Weg, positiver voran.

Denkt man sich da hinein, dann käme man zu dem Schluss, mit 40 fängt das Leben erst an. Nun ich denke wir alle, die wir zum Glück keinen Krieg mehr erlebt haben und dankenswerterweise auch nicht mussten, sollten mit etwas Demut dem, unserem Leben gegenübertreten. Nichts sehe ich daher bedrohlicher an, als gegen das eigene Leben zu wettern oder es ständig in Frage zu stellen.

Jedoch gibt es Unterschiede und die nicht zu knapp. Grade hörten wir wieder über einen Todesfall aus der engen Freundschaft und grade hörten wir wieder einmal von schwerer Krebserkrankung eines Freundes und so macht sich pünktlich vor dem Weihnachtsfest der Tod einmal wieder in unseren Gängen breit. Und als hätte man es schon geahnt, scheint er allgegenwärtig.

Der Abschied von meiner Mutter war damals einer mit Trauer, Tränen, mit großer Anteilnahme, Liebe und auch mit unzähligen liebevollen Momenten. Es gab keinen Moment mehr für tiefsinnige Unterhaltungen und auch keine richtige Zeit mehr sich, auf welche Art auch immer, zu versichern, dass es irgendwie auch ohne sie weiter gehen wird.

Daher kann ich auch nicht sagen ob es ihr wichtig gewesen wäre, über all das noch einmal zu sprechen, letzte Gedanken darauf zu konzentrieren. Was an jenem Schicksals reichem Tag passierte und was ich bis heute immer noch erinnere, das war der Zusammenhalt an ihrem Sterbebett.

Da standen all jene die sie im Leben umarmt hatte und gaben sich das Gefühl der Gemeinschaft. Einer guten und großartigen Gemeinschaft…

Nun ich hoffe meine Welt steht noch nicht bald still. Ich habe noch sehr viel vor und dazu brauche ich Kraft, Gesundheit und von ganz oben eben auch noch ein wenig Zeit.

Wenn dann irgendwann einmal meine letzten Lieder gespielt werden, dann wird es ein Lied der großen Einsamkeit werden. Eine Einsamkeit, welche ich nur einem einzigen Menschen zu verdanken habe. Jenem, der vor einigen Jahren den Weg in unsere Familie angetreten hat, um zu entzweien, zu zerstören und mit aller Kraft, jede aufkeimende Menschlichkeit und jedes Miteinander zu boykottieren!

Das oben erwähnte Buch, steckt ebenfalls wie auch mein Leben voller Weisheit, Schönheit, Härte, Anmut, Verzweiflung, Angst, Glaube, Zuversicht, Humor, Wut, Mut, Energie – so voller Leben und Erfahrung und das eben mit allen Nuancen die uns das Leben nun einmal in unser Album schreibt.

Es gibt kein entrinnen.

Am Schluss fällt der letzte Vorhang und alle Einsicht verliert ihren Zauber, denn sie wird nichts mehr verändern oder rückgängig machen. Einzig das Gewissen wird sich bis ans eigene Ende damit befassen müssen und die Schuld wird auch noch den letzten Atemzug bestimmen.

Ich habe selbst schon von sterbenden gehört, deren Bedauern im Todeskampf, der weitaus größere Schmerz war, als der in ihrer Krankenakte. Wenn Menschen sterben, dann kommt eine Menge Furcht und Ärger aus ihnen heraus und dieses ‚Ich wünschte, ich hätte …‘, das auch immer wieder kommt, das kommt dann oftmals Jahre, oder gar Jahrzehnte zu spät.

Ich, für mich, weiß, dass ich das machen muss, was ich für mich noch will – denn wenn ich das nicht tue, weiß ich, was ich später auf meinem Sterbebett einmal bereuen werde…

Foto/Text JK ©23/11/2017

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