Die wundersame Welt der Qualen…

Manchester heißt die derzeitige Qual. Von etwas erstaunlich neuem zu sprechen fällt mir dabei schwer und es wäre wohl auch eine Lüge. Anschläge haben keinen Algorithmus und wir kennen ihren Schlüssel nicht nach dem diese stattfinden. Keiner weiß wie lange es dauert und wie wir aus der Spirale herauskommen. Entkommen können wir höchstens mit einem hohen Maß an Ignoranz. Aber mal ehrlich wir Smartphone Junkies schaffen es ja nicht mal für ein paar Stunden das digitale Nervteil abzuwürgen.
In fällen wo mir alles zu viel wird, greife ich gerne auf bewährtes zurück. Heute muss Berlin Bundesplatz herhalten. 
Berlin – Ecke Bundesplatz ist der Titel eines Langzeit-Dokumentarfilmprojekts der Berliner Filmemacher Hans-Georg Ullrich und Detlef Gumm. Von 1986 bis 2012 haben die Dokumentarfilmregisseure die Lebensrealität der Bewohner eines Wohnviertels am Bundesplatz in Berlin-Wilmersdorf mit der Kamera begleitet. Drehbeginn war Silvester 1986/87. Bis ins Jahr 2012 – also im Zeitraum von 26 Jahren – sind insgesamt 62 Filme der Berlin – Ecke Bundesplatz-Reihe entstanden. (Wiki)
Man muss sich die Reihe so vorstellen, dass daraus am Ende mehrere knapp zweistündige Dokumentation entstanden sind, in denen es um die Leben der jeweils auserwählten Protagonisten geht. Es werden tatsächlich 26 Jahre abgerollt. 26 Jahre reines Leben mit allen nur erdenklichen Höhen und Tiefen. Da spielen Tod, Geburt, ebenso eine Rolle, wie Verlust und eben auch Gewinn.
Der Film wird getragen von einer außergewöhnlichen Musik die sich würdig, jedoch einleuchtend melancholisch dem Geschehen nähert ohne es zu erdrücken. Die Gefilmten spielen sich selbst und sind keinerlei angeschleppte Schauspieler, sondern ganz im Gegenteil handelt es sich eben wie im Filmtitel bereits angedroht, um ganz normale Menschen, die nun einmal das Schicksal hatten mit ihren Familien am Bundesplatz zu wohnen.
Der Platz konnte übrigens ebenso laut wie leise daher kommen, lag er doch unmittelbar an der Stadtautobahn im beschaulichen Wilmersdorf. Wilmersdorf ist das alte Herzstück im einst geteilten Westen von Berlin. Dort findet man den Ku-Damm und hier pulsierte das Leben. Am Bundesplatz war ich im Tonstudio und habe Mitte der 80er meine erste Platte aufgenommen. Von dort zog der Bezirk sich bis an den Breitscheidplatz, an dem der Anschlag 2016 verübt wurde und an dessen gegenüberliegenden Bikinihaus viele jahrelang mein Büro thronte.
Na klar wird sich mancher jetzt fragen und warum schaust du dann die Alltagssorgen dieser Berliner? Darauf gibt es nur eine Antwort: es ist die wunderbare Melancholie die der Film ausstrahlt. Er kommt als Dokumentation daher die eben auf großes Palaver verzichtet, lässt die Protagonisten machen und drängt sich doch in keiner Weise auf. So entstand ein Zeitgeschichtliches Werk, das mir als Betrachter die Möglichkeit einräumt, in eine längst vergangene Epoche erneut einzutauchen.
All deren Probleme werden plötzlich ein wenig auch zu meinen. Denn sie bekommen einen Bezug zum Leben in Berlin. Es sind eben nicht die Weltpolitischen von heute, obwohl es diese damals genauso gab. Mein Gott ständig waren Anschläge und selbst verrückte Attentäter in West-Berlin unterwegs und doch war alles so weit weg von mir. Es ergab sich oft erst zufällig aus der Zeitung welche Irren wieder zugeschlagen hatten, etwas das man sich heute garnicht mehr vorstellen kann.
Und genau da liegt letztlich das Geheimnis dieses Films. Er nimmt dich mit zu den beschaulichen Problemen einer Zeit in der auch ich dort ums Eck gelebt, gearbeitet, getrunken und gegessen habe. Auch wenn es natürlich auch um schwere Krankheiten, den Verlust der Existenz geht, zeigt der Film den Zusammenhalt der Familie, das stückweit Aufmüpfige das uns Berliner ausmacht: den täglichen Kampf ums Überleben im Dschungel der Großstadt.
Eben diese wundersame Welt der Qualen. Der Einfall zu der Geschichte entstand eben so zufällig wie ungewollt durch einen „Verleser“ im neuen Arte Magazin. Das titelte nämlich eigentlich von Quallen und da über ihm der Fernseher grade über die Anschläge in Manchester berichtete, fand ich diese durch mich entstandene Symbiose nahezu perfekt geeignet mich und mein Seelenleben mal wieder selbst zu erklären…

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Foto/Text JK ©25/05/2017

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