Familie, Abschied einer Ära…

Familie ist eigentlich das Wissen einen unverlierbaren Platz auf dieser Welt zu haben…
Das süßeste Glück, das es gibt, ist das des häuslichen Lebens, das uns enger zusammenhält als ein andres. Nichts identifiziert sich stärker, beständiger mit uns, als unsere Familie, unsere Kinder. Die Gefühle, die wir erwerben oder die wir in jenem intimen Verkehr verstärken, sind die echtesten, die festesten, die uns an sterbliche Wesen knüpfen können, weil nur der Tod allein sie auslöschen kann. Sie sind auch die reinsten, weil sie der Natur, der Ordnung der Dinge entspringen und uns aus eigener Kraft vom Laster und von verderblichen Neigungen fernhalten.

©Jean-Jacques Rousseau

Das süßeste Glück…???

Letzte Woche war ein Teil meiner Familie zu Besuch in Berlin. Erstaunlich, dieses Mal sind nicht die Fetzen geflogen. Ja, es war sogar lustig, echt schön miteinander…
 
Aber halt mal, was ist eigentlich Familie und was hat sie für einen Nutzen? 

In Familien wird normalerweise soziales Kapital und Humanvermögen gebildet. 
…Normalerweise!
Aber was ist heute noch „normal“ und gab oder gibt es überhaupt Normen für die Familie?

Wie stark sind heute die Einflüsse von Einzelnen innerhalb der Familie und wie könnte man ein Auseinanderdriften vermeiden. 
Familie ist all das, wo Kinder sind, wo Generationen zusammen leben, wo gegenseitige Bedürfnisse und Interessen bestehen, wo Menschen füreinander respektvolle Verantwortung übernehmen. So auch bei Familien ohne gemeinsame Vita nebst Stammbaum.
Gehen wir einmal in die eigene Kindheit zurück, verdeutlicht das oft woher tief in uns die Dramen stammen. Ist der Grund für die Entstehung der Dramen einmal verarbeitet und vergeben, könnten wir auch den tieferen Grund für unsere Anwesenheit in unserer Familie erkennen.
Wie gesagt „könnten“ !?
Ein wohlerzogener, normaler Mensch zu sein steht eben nicht immer auf dem Plan und so heißt es eben auch, dass in jeder neurotischen Familie nur ein Gebot gilt: Du sollst nicht fühlen! 

Das heißt aber unter Umständen auch, die ganze Zeit relativ zur Familie zu leben.

Noch vor einigen Jahrzehnten war es üblich, dass mehrere Generationen zusammen unter einem Dach lebten. So konnten sich die Großeltern zum Beispiel an der Erziehung der Kinder beteiligen. Dadurch hatten Eltern Zeit für die Arbeit, für Erledigungen im Haushalt und für sich selbst. Heute leben häufig nur noch zwei Generationen zusammen: Kinder mit ihren Eltern beziehungsweise einem Elternteil. In den 60er, 70er war bei Familienfeiern kaum noch ein Platz frei. Heute sitzen wir an Geburtstagen oft mit Kindern und Enkel alleine beim Kaffee und das war es auch schon.
Blut ist dicker als Wasser, sagen die einen, Verwandtschaft kann man sich nicht aussuchen, Freunde schon, sagen die anderen. 
Familie sind das nicht all die Leute, wo ich ungefragt an den Kühlschrank gehen kann?

Manche sagen auch: „Meine Mutter ist meine beste Freundin.“ Darin zeigt sich zwar, wie sehr sich heute das Eltern- Kind-Verhältnis zu einer eher partnerschaftlichen, von gegenseitigem Respekt getragenen Beziehung entwickelt hat. Die Generationenkonflikte haben sich jedenfalls heute entschärft, aus großen Rebellionen sind kleinere geworden. Wenn die Eltern selber Popmusik hören oder abends ausgehen, bleibt für die Kinder nur noch wenig, wogegen sie sich auflehnen können. Gleichwohl: Auch wenn sich die wenigsten Eltern mit Sie anreden lassen – es bleibt ein Abhängigkeitsverhältnis.
Ich kann mal zwei gegenläufige Geschichten erzählen, lassen wir es mal im Raum stehen ob diese autobiografisch sind oder frei erfunden:
Zwei sich liebende junge Menschen, beide auf dem Weg zum 18. Geburtstag, der eine will raus und verursacht damit ein Vakuum bei der Mutter und das Pendant muss raus, weil nicht mehr bereit den Job der ewigen Putz und Haushaltshilfe, sowie des Kindermädchen zu übernehmen.
Beide waren dabei sich abzukapseln, beide haben das getan, was man irgendwann mal tun sollte und doch endet beides mit Stress und Tränen. Das ist bei Freunden nicht so. Wenn sie Fürsorge, Respekt und Liebe vermissen lassen oder Vertrauen missbrauchen, kann man sich von ihnen trennen. Aber das Kind seiner Eltern und Eltern seiner Kinder bleibt man ein Leben lang.
Auch hat man im späteren Leben ja selbst die Verantwortung eine Familie zu gründen und so wächst und wächst die Familie und so natürlich auch jener Anteil an Familie, für den man selbst keine Schuld trägt. Na ja sagen wir mal zumindest keinen Einfluss nehmen konnte. Irgendwann kommt er dann ja auch, der Zeitpunkt, wo die Alten dann oftmals plötzlich abdanken und man selbst an der Spitze der zumindest eigenen kleinen Familie steht. Eigentlich sollte sich das dann wirklich auf die eigene Familie beschränken, wobei, doch ja, es gibt ihn noch, den Familienvorstand alter Schule, wie ihn beispielsweise Thomas Mann in den Buddenbrooks mustergültig beschrieb.
Der lässt sich dann nicht nur von seinen Töchtern mit Sie anreden und findet das ganz bis völlig normal, dass ihm nun zu huldigen sei. Schließlich sei er erstens eine Respektsperson, zweitens nie irrend und drittens hätte er sowieso das Recht für sich gepachtet. Selbst wenn man durch das eigene Alter und durch schlimmste Lebenserfahrungen geläutert wäre, hätte man keine Chance an deren Huldigung vorbeizukommen. Man ist ihnen nicht gelegen weil man Zweifel an ihrer Daseinsberechtigung hegt, beziehungsweise ihre aufgesetzte Art und Weise ablehnt. 

Nun zum großen Glück und erleichtert, erscheint den meisten von uns das nicht ganz so normal. Nein es kommt im Gegenteil ziemlich überholt daher. Schließlich ist Familie weniger mit der Vorstellung einer Herrschafts- denn mit einer Liebesbeziehung verbunden.
Das war in der Vergangenheit nicht immer so, denn die Familie war bis tief in die Mitte des 19. Jahrhunderts hinein eine Form des Zusammenlebens, die weit mehr von wirtschaftlichen als sozialen Bindungen geprägt war. Das steckt auch im Ursprung des Begriffs Familie, der dem Lateinischen entstammt. Abgeleitet von famulus (der Haussklave), bezeichnete er den Besitzstand eines Mannes, des pater familias. Zu seinem Besitz gehörten freilich nicht nur Weib und Kinder, sondern gleichermaßen Vieh und Sklaven.
Wobei ich wenn auch mit einigen Einschränkungen froh bin im 21. Jahrhundert zu leben und das 20. Jahrhundert köstlich genossen zu haben.
Das Buch Anna Karenina beginnt mit dem Satz: 
„Alle glücklichen Familien gleichen einander; jede unglückliche Familie jedoch ist auf ihre besondere Weise unglücklich.“ 

Während für das Zustandekommen einer Sache immer mehrere Faktoren stimmig sein müssen, reicht ein einziger Faktor, um ihr Misslingen zu besiegeln. Wer möchte nicht ab und zu den einen oder anderen Zweig in seinem Familienstammbaum kürzen? 
Aber so geht nun mal Familie, sie ist ein ganz eigenes, an vielen Ecken kritisches Universum.
Dabei sollte Familie zu allererst mal ein sozialer Raum für alle Mitglieder sein. Denn ist dieser einigermaßen intakt, kann jeder in ihr, ob Kind, Erwachsener oder Greis, sich angemessen entwickeln und wachsen. Kann weiterhin Geborgenheit, Vertrauen, Nähe aber auch Intimität erfahren. 
Grade für Kinder, also der nächsten Generation ist dies elementar wichtig, um Kompetenzen zu entwickeln und eigenes Potenzial zu erwerben, welches sie zur späteren Teilnahme am gemeinschaftlichen Leben überhaupt befähigt. Neben der auch materiellen Fürsorge der Eltern für ihre Kinder spielt die Vermittlung von Werten eine wichtige Rolle. Und hierbei ist es auch wichtig den eigenen Hang zum „Oberindianer“ weitgehend zu unterdrücken. Selbst Kinder werden, noch zumal in heutiger Zeit, sonst irgendwann nach dem „Hirnzustand“ der eigenen Häuptlinge fragen.
Nicht nur an Weihnachten pflegen die meisten Familien die üblichen Rituale und ihr Wert ist nicht nur für die „kleinsten“ Kinder zu unterschätzen. Das gemeinsame Abendessen, das Vorlesen vor dem Zubettgehen, auch der gemeinsame Flohmarktbummel vermitteln Halt. Diese immer wiederkehrenden Handlungen geben Orientierung und Struktur, was gerade in Krisenzeiten stabilisierend wirkt. 
…Übrigens auch für uns die Erwachsenen!
Probleme egal ob Krankheit, Arbeitslosigkeit oder die mit dem jeweiligen Partner, eine Familie kann einen auffangen. Dabei spielt es auch keine Rolle ob der dann nachfolgende Partner, oder die eigene Situation immer weiter den Bach herunter gleitet. Familie kann oder besser noch sollte dann ein Garant für einen sicheren Ruhepol sein.
Der Ursprung meiner Familie sollte mich zu jeder Zeit tragen und dazu zählen meine direkten Verwandten. Jedenfalls zumindest Bruder und Schwester, da leider auch die „erweiterte Familie“ nicht immer ein Hort der Glückseligkeit ist. 
Die vollkommene Familie ist eine Mär, sie gibt es nicht. Denn auch hier und dort, wo alles so friedlich schien, soll es ja zwischenzeitlich ganz schön geknirscht haben, Familie eben. 
Nicht umsonst hat das Wort „Familienbande“ so einen faden Beigeschmack…
Ein Phänomen jedoch, je mehr es kracht, desto größer ist die Sehnsucht nach ihr, besonders nach bedingungsloser Liebe. Diese Sehnsucht teilen natürlich alle Menschen, jedoch im Stande dies auch umzusetzen, sind die wenigsten.
„Ohne Familie kann ich nicht leben!“ 
Und was, wenn es doch so kommt? 

Trennung ist nicht erst im Heute ein Teil der Lebensrealität geworden. Damit zerbricht dann plötzlich ein Lebensplan, jedoch weder der Erste, noch der Letzte. Aber plötzlich wird das Familienleben ein Eingriff in unser Privatleben.
Eine gute Freundin von mir fragte mich kürzlich ob es da Rezepte gibt.

Nun zuerst musste ich mal grinsen und dann bohrte sich die Nachfrage tiefer und tiefer in mein Hirn. Dass da dann in mir selbst die Frage reifte war mir eh schon klar.

Ja, es gäbe ein schnell-Rezept-ohne-Krankenschein.

Das Stichwort heißt abschalten!

Das eigene Ego generell und grade in Bezug auf Familie einfach abschalten.

Am besten noch, die drei Affen raushängen lassen. Nichts zu tun hat sich schon immer bewährt. Aber letztlich sollte natürlich jedem auch bewusst sein, was er damit aufgibt und welchen Gefahren er sich damit aussetzt! Es gibt nämlich in vielen Familien einen Tyrannen der nur darauf spekuliert, und bei dem man sich wundert, dass er keine Götter in seinem Stammbaum hat, aber genau jenem sollten wir dann keineswegs zum Opfer fallen. 
Das erste, das der Mensch im Leben vorfindet, das letzte, wonach er die Hand ausstreckt, das kostbarste, was er im Leben besitzt, ist nun mal die Familie. Aber Vorsicht, schon die alten Aphoristiker wie Bruyére sagten; Im Schoß der Familien herrschen oft Mißtrauen, Eifersüchtelei und Abneigungen, während uns ein zufriedenes, einträchtiges und heiteres Äußeres täuscht und einen Frieden vermuten läßt, der gar nicht vorhanden ist.
Doch ist Familie nicht alles, solang man die Familie nicht als großes ganzes versteht. Es ist legitim das Wort Familie auch als Teil des Ganzen zu betrachten. So kann der enge Kern der Familie all jene Schutzmechanismen anwenden und für sich beanspruchen, zumindest wenn er als Kern bereit ist gegen die Tyrannen aus eigenem Hause aufzustehen und notfalls zu rebellieren. Viele haben jedoch Angst davor, aber es lohnt sich den Versuch zu unternehmen jene wie einen Stürmer ins Abseits zu stellen. Irgendwann lernt selbst der Dümmste aus seinen Fehlern und wer weiß, vielleicht wird so am Ende auch er klug.
In einer Familie sollte man die Grundsätze der Gerechtigkeit, ebenso die gegenseitige Unterstützung lernen. Dabei ist es wichtig den Eigennutz an ihr möglichst weit hinten anzustellen.

Franz Kafka sagte einmal über die „Die uns Nachkommen“: 
In Krämpfen schafft man ihn und geht, wenn man nicht schon an den Krämpfen zugrunde gegangen ist, an der Trostlosigkeit des Ersatzes zugrunde…
Nun ja zur Familie gehört eben oftmals beides. Sie kann funktionieren, ein ewig sprudelndes Elixier fürs Leben sein. Aber es kann eben auch Konstellationen geben, wo alles den Bach herunter geht.

Vergessen sollten wir bei aller Theorie nie eines: 
Den, ohne Wurzeln, wird der Wind mit sich reißen und genau wie einen jungen Vogel aus dem Nest davon tragen. Wo er dann landet, vermag uns niemand vorherzusagen. Nestwärme, ist aber auf diesem immer kälter werdenden Planeten der Garant, ein Zuhause zu haben wohin man zu jedem Zeitpunkt zurückkehren kann. Verspielen wir also diese uns gegebene große Ressource nicht!
Selbst wenn die Familie oftmals der Beweis dafür ist, dass man auch mit unsympathischen Personen in ihr auskommen muss… 

Danke für Euer „Auge“ und hier noch (m)ein letzter TIP:

Wenn die familiäre Atmosphäre so dicht geworden ist, 

daß Eisen darin schwimmen kann, 

ist es an der Zeit, 

die emotionalen Zimmer zu lüften.

© Christa Schyboll

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Foto/Text JK ©01/11/2016

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