Gedanken – Gänge…

Seit meiner gestrigen Sendeerfahrung denke ich an die kleine bis mittelschwere Zicke Blanco. Solche Typen triffst du in den sozialen Medien ständig. Es sind die Leute, denen wir versehentlich auf den Zeh treten und die dich dann mit lautem Getöse fertigmachen und ohne wenn und aber den „Entfreundungsbutton“ betätigen.Da gibt es kein Reden mehr, keine Möglichkeit des Entschulden und wenn es möglich ist werden alle Ritzen der Türen und Fenster abgedichtet, dass kein Ton des Verzeihen zu jenen hervordringen kann.

Natürlich beißt man sich dann fest und lässt die eigene Schuld völlig aus dem Scherbenhaufen.

Nein, man bleibt sich vollkommen treu, Schuld, wenn man schon von ihr reden muss, haben garantiert die anderen.

Punkt, basta, aus und vorbei.

Blanco, auf seine Tochter angesprochen, bekam urplötzlich Augen wie Doktor Frankenstein und mutierte förmlich in nicht einmal einer Zehntelsekunde von Jekyll zu Heyde.
Es liegt vielleicht an der oftmals zerrissenen Seele der Deutschen. Diese zeigt sich nahezu ideal am alljährlichen Spekulatiustag.
Jedes Jahr mäkeln wir darüber, dass der Weihnachtsgebäck-Verkauf immer früher losgeht und einem die Vorfreude verdirbt – aber gleichzeitig greifen wir wie die bekloppten zu, sobald der erste Dominostein im Regal liegt.
Bei Google steigen spätestens im Oktober die Suchanfragen nach Spekulatius an, heißt es in einer Untersuchung. Einen Grund, sich über immer früher ausliegendes Christgebäck zu beschweren, gibt es nämlich auch nicht.
Und so greifen wir zu, schieben in uns hinein und während die Krümel uns aus dem immer noch wütend artikulierendem Munde plustern, schieben wir schon den nächsten Spekulatius in uns hinein, um so gestärkt mit scheinbarer Nervennahrung, die nächsten Entfreundungen auf Facebook und Co. zu überstehen.
Weiter geht es dann und unter einer tugendhaften Fassade führen wir ein unzufriedenes Doppelleben:

tagsüber ein Vorzeigefreund, nachts ein mürrischer Stinker , der nach einem missglückten Coup gegen seine kleine Welt, eben wie von Jekyll nach Hyde wechselt.
Jedenfalls solange, bis er von welchem Gericht auch immer zum Tode durch den Strang verurteilt wird.
So arbeitet man sich gerne aneinander ab und sieht sich selbst dabei der Wahrheit recht nahe kommend. Wir vergessen dabei nur sehr gerne, dass jedes Verstehen immer ein begrenztes ist und dass die Qualität des Verstehens abhängig ist von der Enge oder Weite des jeweiligen Verstehenshorizonts, das heißt der jeweiligen Nähe zum Wahren und Ganzen.
Jedes ausgesprochene Wort erregt den Gegensinn sagte J. W. von Goethe in seinen Wahlverwandtschaften und in sofern stelle ich hier gerne nochmals die prinzipielle Frage:
Was ist schon die Wahrheit und warum genießt sie diesen enormen Stellenwert selbst in völlig nüchternen Bereichen unseres Lebens? Warum lassen wir an ihr Freundschaften, Ehen, Gemeinschaften zerreißen?
Im Mann ohne Eigenschaften, das ich grade lese, habe ich eine mögliche Antwort gefunden:
Wann verstehst du einen Menschen? Du mußt ihn mitmachen. Du mußt sein wie er: aber nicht du in ihn hinein, sondern er in dich hinaus!
Musil meint hier, um jemanden wirklich zu verstehen, muss man ihm den Raum geben, in den hinein er sich selbst verstehen kann. Nur solches Verstehen ist das Gegenteil von Analysieren, denn es ist das stille, achtsame Beobachten eines Prozesses, in dem der andere sich für uns auf heilsame Weise zu einem Ganzen zusammensetzt. Einfühlungsvermögen bedeutet hier jedoch nicht, sich in den anderen hineinfühlen, sondern den anderen in sich zu fühlen. Statt eines wissenden Belehren ist diese Art des Verstehens liebendes Entflammen.
So ist es für mich eben auch kein Zufall, dass wir uns dann immer am besten verstanden fühlen, wenn uns jemand auf präsente Weise zuhört. Ich vergleiche das Zuhören immer mit einem guten Porträt, stimmt die Präsenz auf beiden Seiten, ist die Arbeit so gut wie im Kasten.
Es ist und bleibt am Ende also völlig natürlich, auch einmal anderer Meinung zu sein, krankhaft ist allein, wenn man sich über die Meinungen anderer, zu sehr und immer und fortlaufend aufregt…

.

Foto/Text JK ©24/09/2016

.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s