Grüße aus der Glockengasse…

Ja, es gab sie mal, jene Zeiten, als im Sommer noch Sommer und im Winter noch Winter war. Zwei Tage hatte es gedauert und wieder gingen wir gemeinsam in den Keller des Miethauses, der direkt unter unserer Küche lag und von dem einzig ein kleines Fenster unterhalb der Grasnarbe etwas Licht ins Dunkel brachte. Hier hatten wir vor 2 Tagen die Wäsche gekocht, gerührt, aufgehängt und dem Trocknungsprozess überlassen. Es roch trotz des immer etwas muffig anmutenden Kellers, frisch und sauber, und das gekippte Fenster verstärkte den Geruch noch durch den frisch gemähten Rasen, dessen Duft, sich unter das Persil der frühen 60er Jahre mischte.
Der Korb war sperrig und schwer, aber Oma hatte alles fest im Griff. So spazierten wir hinaus in den frühen Sommertag und zwischen den vielen Miethäusern in Kreuzberg machte sich wohlig wärmend die Sonne breit.
Erst raus aus dem Haus in dem wir Hochparterre wohnten, bis an die erste Querstraße, an dessen Ecke der 24er Bus Station machte. Wir Kinder hatten dort oft unseren Spaß. Wenn der Bus dort einmal anhielt, was er selten tat, dann riefen wir dem Schaffner durch den damals offenen Einstieg im hinteren Teil des Busses zu: „Schaffner, haste nen Block“? und mit etwas Glück, griff er über sich und holte aus einer kleinen Ablage oberhalb des Ausstieg ein paar „Blöcke“ raus um sie uns, aus dem bereits wieder abfahrenden Bus entgegenzuwerfen. Dieser „Block“ war nichts anderes als der kleine Rest der Perforation, der vom Fahrschein übrig blieb und diente uns dann als Fahrschein für unsere Spielereien.
Wir überquerten die Straße und gingen durch die nächste der Häuserzeilen, zur nächsten Straße. Diese war schon damals recht belebt und trotz meiner jungen Jahre, musste ich diese oft überqueren. Immer wenn es zur Markthalle ging, oder in mein geliebtes Kino, oder aber zu einer absoluten Berliner Spezialität, der Curry Wurst. Wobei natürlich noch mein erster väterlicher Freund Kurt Mühlenhaupt ebenfalls unweit der Curry Wurst Bude hauste. Direkt neben Bolle hatte er einen seiner Trödelläden und regelmäßig besuchte ich ihn dort.
Kurt war Künstler und später wird man von ihm sagen, ein guter und einer der mittlerweile einen Ruf auch über Berlin hinaus hat.
Ich habe diese Ecke von Berlin, in Kreuzberg genossen. Die Kindheit war einfach genial und so will ich nichts, aber auch gar nichts davon missen. All diese Verrückten, all diese Straßenmusiker wie Reinhard Mey, wo, in dieser geballten Form, gab es das sonst? 
Wir gingen vorbei am Blumenladen von Heidi, vorbei an unserem Telefon, welches in Form einer gelben Zelle am damaligen Straßenrand stand und landeten nur wenige Minuten nach verlassen des Hauses vor der Drogerie Kemp. Die Drogerie war direkt neben der Blumenfrau in einem Flachbau der zur Straße hin eine kleine Geschäftszeile mit 5 bis 6 Läden bildete.
Oma stemmte sich seitwärts mit dem Wäschekorb durch die eher schmale Eingangstüre, welche wie immer mit einem lauten klingeln aufging. Die Klingel diente damals denke ich nicht einer Überwachung sondern sollte wirklich die Aufmerksamkeit von anderen Arbeiten ablenken. Der Laden war total überschaubar, hatte jedoch noch Lager und Büro im hinteren Bereich. 
Herrlich dieser Duft der uns jedesmal entgegen schlug. Es roch irgendwie nach Wunderland und sehr exklusiv, nicht vergleichbar mit den Gerüchen einer heutigen Douglas Filiale. Ersten war das Angebot größer, man verkaufte ja auch Waschpulver und andere Haus Artikel und zweitens gab es zwar wenige, aber sehr intensive Parfums. Oma hatte immer ihr 4711 in der Tasche, das gab ihr den Schutz vor Mücken, ihren Stichen, bei Schwindel und anderen Ohnmachten und natürlich auch den Duft der großen weiten Welt.

Nach der üblich freundlichen Begrüßung durch den Chef des Hauses und einem kleinen Austausch über die Neuigkeiten in der Nachbarschaft, ging es über eine Wendeltreppe in den Keller des Flachbaus. Dort stand das Ungetüm aus Holz und wartete nur darauf unsere frisch gewaschene Bettwäsche zu fressen. Laut tuckernd lief die Maschine los und zog nach und nach unsere Laken ein um sie wenig später, wie von Geisterhand geglättet, wieder auszuspucken.
So verringerte sich das Chaos in unserem Wäschekorb und wurde nach und nach zu einem schrankfertig gebügelten Meisterwerk.

Ich kann mich nicht mehr genau erinnern was der Spaß damals wohl gekostet hat, jedoch erinnere ich mich noch genau an die Zeit. Eine Zeit, in der der Mensch nach 2 Kriegen langsam wieder lernte Mensch zu sein. 
Eine Zeit in der Freunde, Familie und Frieden für viele alles war was sie noch hatten und in der eine Mark noch einen höheren Wert bekam, wenn man sie mit jemandem teilen konnte…

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Foto/Text JK ©14/07/2016

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