Grenz(t)räume…

Oh ja, so ist er, der, den wir alle am liebsten totschweigen und doch kratzt er sich in unseren Gehirnen fest, wie die Rille einer alten Langspielplatte. Ramdamdam Ramdamdam knack, Ramdamdam Ramdamdam knack, hämmert es im Kopf und lässt uns nicht zur Ruhe kommen.Es hämmert und hämmert und je älter wir werden um so bewusster wird uns, dass auch das eigene Ableben irgendwann einen Menschen beschäftigen wird, dem wir verdammt noch mal Scheiße nahe stehen. Ich weiß nicht warum es im Laufe der Jahre immer schlimmer wird, aber es liegt sicher im Leben begriffen und muss nur mal ordentlich gedeutet werden.
Damals habe ich auch oft Gedankenfrei zu Hause gesessen und habe die Ruhe genossen, bis es mir eines Tages zu ruhig wurde. Die kurzen Pausen des Mac-Lüfters, wenn es mal Kaffee holen ging oder aufs Klo waren mir dann schon zu ruhig, dass ich eines Tages zur eigenen Freude mit einer schweren Kamin-Uhr das Haus betrat und voller stolz das tacken des alten Uhrwerks genoss.
Tick Tack Tick Tack und alle 1/4tel Stunde im Westminster Style schepperte damals noch das gigantische Schlagwerk. Heute tackert die Uhr immer noch, einzig Westminster wurde abgestellt, was zum Glück vorgesehen war an dem Prachtstück.
Grade komme ich wieder, der Hund musste raus eine gelungene Abwechslung. Aber schon beim betreten der Wohnung merkte ich hörbar das Tackern und entschied mich mit meinen Kopfhörern zu bewaffnen um noch eine Runde ums Haus zu rennen. Gary Moor, noch einer den ich persönlich kennen lernen durfte. Das Glück hat mich in den 80ern an seine Seite gespült und ich habe jede Sekunde mit ihm genossen. Ein großer, ganz großer und auch ihn gilt es heute zu betrauern und vielleicht habe ich ihn grade deshalb bei meinem Lauf ganz bewusst noch mal zur Gitarre greifen lassen, damit er mir den Blues in die Hirnwindungen gießt und ich trunken darin versinke…

Menschen, brauchen oft eine Struktur, um nach einem solchen Ereignis wie dem Tod eines lieben Menschen weiterleben zu können. Bei mir war regelmäßig das Gegenteil der Fall. In meinem Inneren herrschte nach einer kurzen Zeit des Automatismus immer ein nie erlebter Ausnahmezustand, und ich spürte eine furchtbare Diskrepanz nach außen hin. Wenn erstmal alles, was muss, geregelt war, hielt ich es kaum aus, dass ich aß und sprach und schlief, dass ich einkaufen ging und mein Bett machte. Ich hatte das Gefühl, ich müsste versehrt sein, also körperlich und es quälte mich beinahe, dass man mir mein Leid nicht sofort ansah. Ich konnte mit dieser unsichtbaren Wunde nicht leben, ich musste das Außen dem Innen angleichen, um nicht zu verbluten. Jeder durfte es wissen und jeder sollte es sehen. Funktionieren war eine Selbstverständlichkeit, aber auch meine Tränen, die stillen Schreie und all die anderen Qualen, die der Tod uns oft beschert.
Na klar gab es viele Menschen in meinem Umfeld, die das kritisch sahen. Sie sorgten sich, ob eine derart intensive Form der Trauer gut sein könne. Manche verstanden rundheraus nicht, was ich da tat. „Menschen sterben eben. Was machst du denn den ganzen Tag?“, war nur eine von vielen Reaktionen, die oftmals so heftig ausfielen, dass ich glaube, die Menschen fühlten sich durch das, was sie als Nichtstun wahrnahmen, provoziert.

Ich wollte und hatte dem nie etwas entgegenzusetzen, ich wusste nur, dass ich persönlich, ich Jürgen, keine andere Wahl hatte als in meinem Schmerz aufzugehen und irgendwann fing dann auch ich an, zu akzeptieren, dass ich nicht sagen konnte, wann es mir wieder besser gehen würde. Dass es weder eine Rolle spielte, noch welche Zeitspanne ich oder andere Leute für angemessen hielten, um ins Leben zurückzukehren. Dass Trauer immer nur eigenen Gesetzen folgt und sich nie beschleunigen lässt.
Die Dinge um uns herum drehen sich weiter und auch der Schmerz wanderte umher, sucht sich neue Plätze nach neuen Plänen und verändert täglich seine Gestalt. Er kommt und geht in Wellen, so wie in uns alles begann und irgendwann fangen wir dann an zu heilen.

Auch ich fing immer wieder an, zu heilen und vielleicht hilft es uns ja wieder einmal mehr dabei, uns mit der Vergänglichkeit auseinander zu setzen, mit meiner eigenen Vergänglichkeit und der aller Menschen, die mir etwas bedeuten…

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Foto/Text JK ©17/03/2016

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