Vom Werden…

Als ich 56 das Leben startete, da war mir noch nicht klar wie viel Glück ich hatte, nicht bereits dreizig zu sein. Die Jahre des Krieges waren vorbei und das Aufräumen, also zumindest das Aufräumen der Trümmer war noch im vollen Gange. Berlin hat sich sicher nicht mehr Zeit gelassen, aber es sah in den Strassen noch gelinde gesagt scheisse aus. Vor allem in Kreuzberg waren wenige Häuser intakt. Da wohnten wir nun, im sogenannten Arbeiterbezirk am Halleschen Tor und erfreuten uns schon bald an unserer 3 Zimmer Wohnung

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Wie oft wirst du noch kämpfen

wie oft noch lamentieren

dich aufbauen, behaupten müssen

siegen und verlieren

wie oft Theater spielen

dabei keine Rolle scheun

um alles, alles auf der Welt

bloß nicht du selbst zu sein

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Kreuzberg war mit Verlaub gesagt radikal, wenn einem deine Fresse nicht passte, dann hattest du schneller eine Faust im Gesicht wie dir je lieb sein würde. Wenn man den Weg jedoch ohne Zweifel ging, gradlinig und mit einer nahezu störrischen Sturheit, konnte man überleben.

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Wie oft wirst du am nächsten Tag

nach einer kleinen Schlacht

den Legionär erblicken

der da aus dem Spiegel lacht

den Mann, den du am meisten fürchtest

den du verneinst

wie oft wirst du noch einsehn

der Spiegel ist dein Feind

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Ein Spiel zu spielen, bei dem du dich selbst nicht erkennst, ja es war manchmal von Nöten.

Wenn es in den Strassen mal wieder erbarmungslos zuging, dann musste man über seinen Schatten springen um vielleicht nicht an der Situation zu Grunde zu gehen. Was das später mit einem machte, es war nie vorhersehbar und manchmal riss es auch tiefe Gräben in das eigene Ego und ich. Der Überlebenskampf ist nun mal einer der dich zum Bekennen auffordert und aus dem nur einer als Sieger hervorgehen kann.

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Wieviele Bücher mußt du lesen

wieviele Kirchen baun

wie oft noch Klugscheißen und Dieben

wie oft Lügnern traun

wievielen Fahnen folgen

irgendeiner starken Hand

wieviele Siege siegen

irgendeines Vaters Land

um plötzlich zu erwachen

zufällig und wie von selbst

aufgeschreckt von einer Stimme

in dir, die dir nicht gefällt

denn sie zeigt dir deine Grenze

vielleicht einen kleinen Traum

in dem kannst du lesen

du bist dir selber abgehaun

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So lange ich mich erinnern kann, hatte ich Lust Dinge zu lernen. Sie für mich zu verstehen und begreifbarer zu machen. Manchmal konnte ich mich in ihren Funktionen quasi verlieren, um Tage oder gar Wochen später ein wenig wissender wieder aufzutauchen.

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Wieviele Kämpfe werden nötig sein mein Freund

wieviel Sand und Haß, läßt du dir in die Augen streun

wieviele Träume werden platzen

wieviele Freunde müssen gehn

wie oft wirst du noch Enttäuschungen

und Dunkelheit verstehn

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Ich habe es geliebt Beatles Texte zu fressen und obwohl ich nichts von ihnen wirklich verstand, hatte ich schon damals Ansätze von Interpretationen. Ich wusste wie die Welt geht und ganz zur Not, schrie ich es lauthals hinaus. Solange bis es mir jemand abnahm und sei es nur weil er Ruhe haben wollte.

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Wer lehrte dich zu schweigen

wo alles in dir schrie

wer kaute dir die Worte vor

wer setzte dir das Ziel

wer lehrte dich zu schlafen

obwohl du alles sahst

wer brachte dir bei, zu begaffen

zu lieben was du haßt

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Sagen wir es mal so wie es war, ich hatte Glück, trotz allem Druck´s und trotz allem Gegenwind der Strasse einen Rückzugspunkt der Ruhe zu haben. Heimat war für mich die Geborgenheit der eigenen vier Wände zu spüren. Das war eine andere Welt, das war die Kindheit an der Seite meiner Omas und deren Freundinnen, die ich als liebevolle Tanten in meiner Erinnerung sehe.

Sie waren es, die mir die nicht immer leichte Zeit, zu einer Zeit machten an die ich heute noch gerne denke und die mir scheinbar grade in den schrillen Momenten des Lebens gegenwärtig ist.

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Wo ist das Kind geblieben,

das Kind mit seinem Traum

vom eignen unverwechselbaren

bunten Apfelbaum

das Kind, das unverdorben

und trotzig in dir schrie:

ENTWEDER WERDE ICH VON SELBST

ODER ICH WERDE NIE

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Meinen größten Fehler habe ich nie begangen. Ich habe ihn ausgeklammert und so die Sicht auf viele hätte, könnte, wollte, dürfte, verloren.

Ja, ich bin früh zu mir selbst gestossen, die einen würden sicher sagen, zu früh. Aber zählen tun im Leben nun mal nicht die Einen, oder die Anderen, sondern nur der Eine.

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Entweder werd ich fallen

über Stock und Stein

doch lieber auf dem eignen Weg

als eine Zahl zu sein

eine Nummer, die man aufruft

eine Nummer, die man lenkt

nur Gott hat zu entscheiden

wer mir das Leben schenkt

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So hat mich das Leben früh erreicht und es hat mich zu dem Menschen gemacht, der ich heute bin.

Und sollte ich mich selbst beschreiben;

dann wären es wohl Worte wie, Gradlinigkeit, Ehrlichkeit und liebevoll die wegen mir nicht neu erfunden werden müssten.
Und so bin ich am Ende geworden, was ich bin. Mein ganzes Leben liegt nun bereits in großen Teilen hinter mir und ich kann heute nicht ohne Stolz zurück blickend von mir sagen:
Ich habe gelebt um zu werden was ich bin….
Euer Jürgen ❤
….
Foto/Text JK ©11/2015

Zwischentexte ©Klaus Hoffmann – Um zu werden was ich bin

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